Die Stunde der Wohnungs-Projektentwickler

Die oben zitierten Zahlen belegen einmal mehr: In der deutschen Immobilienwirtschaft haben sich die Kräfte deutlich verschoben. Vor einigen Jahren dominierten in unserer Branche die Eigenkapital-Sammelstellen das Geschehen – insbesondere die offenen und die geschlossenen Fonds. Deren Bedeutung ist erheblich zurückgegangen – beide Segmente befinden sich in der schwersten Krise seit ihrem Bestehen.
Ganz anders ist es bei den Wohnungs-Projektentwicklern: Nachdem über viele Jahre in Deutschland kaum noch Mietwohnungen neu gebaut wurden, weil es in vielen Teilen des Landes ein Überangebot an Wohnungen gab und die Mieten zu niedrig waren, als dass sich dies gelohnt hätte, zeigt sich nun, dass die Marktmechanismen wie im Lehrbuch wirken: Die Verknappung von Wohnraum hat zu steigenden Mieten geführt und diese steigenden Mieten machen den Neubau attraktiver, also steigen die Baugenehmigungen und die Fertigstellungszahlen.
Beispiel Berlin: Bei den angebotenen Wohnungen in der Hauptstadt sind die Mieten im H1 im Vergleich zum Vorjahr laut JLL im Mittel um 13,1% auf 7,40 Euro/qm gestiegen. Die teuersten Bezirke seien Charlottenburg-Wilmersdorf (8,90 Euro/qm) und Friedrichshain-Kreuzberg (8,55 Euro/qm). Das ist ein Preisniveau, bei dem sich auch der Neubau wieder lohnt.
Inzwischen ist Berlin zusammen mit München sogar Spitzenreiter beim Wohnungsneubau. Aber auch deutschlandweit gibt es einen starken Anstieg: Die Zahl der Baugenehmigungen für Mietwohnungen war im Juli nach Angaben des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie um 38,2% höher als im Vorjahresmonat. Die Steigerungsrate in den ersten sieben Monaten lag bei 17,6 Prozent. Mietwohnungen und Wohneigentum seien derzeit die wichtigsten Triebkräfte der Branchenkonjunktur, so der Verband.
Dieser Trend wird weiter anhalten, solange die Rahmenbedingungen sich nicht entscheidend verändern:

  1. In vielen Metropolen ist Wohnraum weiterhin knapp. Diese Knappheit wird auch durch die verstärkten Bauaktivitäten kurzfristig nicht beseitigt werden, da die Fertigstellungszahlen unterhalb des Ersatzbedarfs plus des Bedarfs durch steigende Haushaltszahlen liegen.
  2. Die Mieten in den Metropolen steigen weiter.
  3. Die Zinsen sind auf einem historischen Tiefstand. Ich habe vergangene Woche ein Angebot meiner Bank für ein Forward-Darlehen in einem Jahr mit 2,26% bei einer Zinsbindung von fünf Jahren bekommen. Eine Zinswende ist nicht in Sicht, da dies die Krise in den südeuropäischen Ländern massiv verschärfen würde.
  4. Wegen der Eurokrise suchen die Menschen Sicherheit durch den Kauf von Wohnungen. Dies gilt sowohl für Privatleute, die Eigentumswohnungen und Häuser kaufen, wie auch für Familiy Offices und institutionelle Investoren. An die Stelle der offenen Immobilienfonds, bei denen der Wohnungsanteil bei etwa Null Prozent lag, sind am Investmentmarkt heute Familiy Offices und Versorgungswerke getreten, die gern gerade in Mietwohnungen investieren.
  5. Durch die Debatte um die energetische Sanierung gewinnen Wohnungsneubauten an Attraktivität, weil diese bereits den künftig geltenden hohen Standards entsprechen und somit Nachinvestitionen nicht erforderlich erscheinen.